Die (nicht so) subtilen Realitäten des Rassismus

Anmerkungen von Johanna Kistner von der Welthaus-Partnerorganisation in Sophiatown, Südafrika: auch junge Freiwillige müssen die eigenen Vorurteile permanent hinterfragen.

Ich bin Südafrikanerin. Eine Frau mittleren Alters. Eine dreifache Mutter. Ich bin eine weiße südafrikanische Frau mittleren Alters mit drei schwarzen Töchtern.

Meine Geschichte und die meiner Kinder ist die Geschichte meines Landes und der gesamten Welt. Sie ist von sozialen Konstruktionen wie Alter, Gender und vor allem “Rasse“* durchdrungen. Als Kind einer Aktivistenfamilie ist mir das Hinterfragen dieser sozialen Konstruktionen in die Wiege gelegt worden und einige Zeit dachte ich sogar, dass ich ihnen entkommen könne, dass ich für mich und meine Kinder eine eigene Realität, frei von den Fesseln erdrückender Vermutungen, die Identität, Integrität und Würde zunichte machen, schaffen könne.
Doch knapp 20 Jahre nach dem Beginn politischer Freiheit weiß ich, dass “Rasse” und Rassismus uns noch viele Generationen begleiten wird. Tatsächlich ist die Erfahrung von Rassismus nicht nur tief im Bewusstsein aller Südafrikaner_innen verankert, sondern, so glaube ich, auch in jenen, die auf dem einen oder anderen Weg zur Entwicklung eines rassistischen und unterdrückerischen Regimes beigetragen haben oder von ihm profitiert haben, insbesondere die Kolonialmächte, die den afrikanischen Kontinent geplündert und vergewaltigt haben und selbst nach der politischen Unabhängigkeit weiterhin seine natürlichen Ressourcen ausbeuten.

Der Horror des Rassismus in der Geschichte lastet auf uns allen

Als gebildete junge Deutsche, die sich dem Ideal einer gerechten Welt verbunden fühlt, könntest du denken, dass die koloniale Vergangenheit nichts mit dir zu tun hat. Wie auch der Holocaust mag sie vielleicht schwer auf den Schultern deiner Großeltern und Eltern lasten, aber du, so wie meine jungen Töchter “frei geboren” (eine südafrikanische Bezeichnung zur Benennung der Kinder, die nach dem 27. April 1994 geboren wurden, als Südafrika sich selbst zu einer freien, demokratischen und” rassen”freien Gesellschaft erklärt hat), bist unbeschwert von all dem Horror des Rassismus in der Geschichte. Du kommst in unser Land mit aller Offenheit und dem Idealismus junger Leute, die höchstwahrscheinlich noch nie ihrer grundlegenden Menschenrechte aufgrund ihrer Hautfarbe beraubt wurden. Wie nervös du auch sein magst in eine andere Kultur einzutauchen, so kommst du doch mit Selbstvertrauen und dem sicheren Gefühl deinen Platz in dieser Welt zu haben.

Aber die Sünden unserer Vorfahren verfolgen uns alle, jung und alt. Sobald du am Flughafen ankommst, wird deine Hautfarbe sofort Annahmen über deine Qualitäten als Person, deine Werte und Einstellungen und deine gesellschaftliche Stellung hervorrufen. Diese Annahmen werden bestimmen, wie die Leute sich auf dich beziehen. Der junge schwarze Mann aus dem Taxi, der dich in die Innenstadt bringt, wird annehmen, dass du gebildet, wohlhabend bist und Zugang zu Ressourcen hast, von denen er nur träumen kann. Es wird ihm nicht einfallen, dass deine Eltern in Deutschland vielleicht Probleme haben, die Miete zu bezahlen oder dass dein Bruder arbeitslos ist. Sein Austausch mit dir wird auf diesen Annahmen beruhen und es wird viel Zeit und Kraft brauchen, eine Beziehung aufzubauen, um diese Barrieren fest verankerter Vorstellungen von gesellschaftlichem Rang und Privilegien zu durchbrechen.

Ähnlich sind auch weiße Südafrikaner in einem Netz von Annahmen und Vorurteilen, die ihnen über Generationen unverhohlen oder unbewusst weitergegeben wurden, gefangen. Der weiße Rassismus ist im südafrikanischen Narrativ gut dokumentiert und stellte schwarze Menschen seit Jahrhunderten als unterlegen, dumm und unfähig dar, etwas anderes außer Handarbeit für den weißen Chef zu tun. Während solche Einstellungen heute nicht mehr offen geäußert werden, schlummern sie unter der Oberfläche weiter und entblößen sich häufig in scheinbar offenen und harmlosen Gesprächen. Als meine Kinder zum Beispiel jünger waren, nahmen die Mütter auf dem Schulparkplatz an, dass ich die Kinder meiner schwarzen Hausfrau zur Schule bringen würde. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass sie meine Kinder sind. Ebenso werden meine Kinder und ich häufig von wildfremden Menschen dazu gedrängt, die Art unserer Beziehung offenzulegen. Einmal überreichte ein weißer Mann während eines Gottesdienstes einer meiner Töchter 100 Rand, da er annahm, ich wäre dort mit Kindern aus einem schwarzen Waisenhaus. Auch du könntest dich in Situationen wiederfinden, in denen es eine subtile Erwartungshaltung des Einverständnisses von rassistischen Vorurteilen von Angehörigen gibt, die davon ausgehen, dass eine gemeinsame Hautfarbe auch gemeinsame Werte und Einstellungen mit sich bringt.

Rassismus unterschwellig auch in der Entwicklungsarbeit

Stereotype und Vorurteile wurden auch an dich weitergegeben, und auch wenn sie weniger ausdrücklich sind, richten sie nicht weniger Schaden an. Wir hören oft, wie internationale weiße Freiwillige über das „frohe Leiden“ armer schwarzer Menschen, insbesondere von Frauen und Kindern ins Schwärmen geraten. Freiwillige lieben es, Fotos von sich, umringt von lachenden schwarzen Kindern in Kleiderfetzen zu machen (“seht nur wie toll ich bin“). Weiße Menschen, die, wie auch ich, mit schwarzen Menschen in den schwierigsten Umständen arbeiten, sind oft sprachlos über die “erstaunliche Widerstandskraft” jener, die die schlimmsten Traumen und Entbehrungen erleiden. Häufig sagen mir andere weiße Menschen, wie “großartig” ich bin, “bereit” zu sein mit “diesen Menschen” zu arbeiten. All dies sind unterschwellige Formen, mit denen wir, also jene mit gesellschaftlicher Stellung und Prestige, uns von solchen ohne Stellung und Prestige abheben. Dies ist eine Form von Rassismus, die im Diskurs von Wohlfahrt und Entwicklungsarbeit legitimiert ist. Es ist eine Form, gegen die wir uns besonders wappnen müssen. Die Wahrheit ist, dass es nichts Romantisches an Armut, Krieg, Gewalt oder Unterdrückung gibt. Das damit verbundene Leiden kann niemals freudig sein.

Am wichtigsten ist, dass jene von uns, die Stellung und Status durch den Zufall der Geburt erhalten haben, eine enorme Verantwortung tragen, unsere eigenen Vorurteile stetig zu hinterfragen und ihnen entgegenzutreten. Ob wir wollen oder nicht, profitieren wir von der extrem ungleichen Verteilung der Ressourcen dieser Welt, und alleine die Tatsache, dass wir das Privileg haben, unseren Platz mit Vertrauen und Würde verdient zu haben, fordert uns heraus die Barrieren, die uns von der großen Mehrheit der globalen Bürger trennen, zu durchbrechen.

Rassismus ist eine Realität in unser aller Leben. Die Herausforderung ist es, dem Rassismus unter und zwischen uns mit Ehrlichkeit, Echtheit und Liebe entgegenzutreten.

* Wir haben Race mit “Rasse” übersetzt, aber bewusst, “Rasse” in Anführungszeichen gesetzt, weil wir die Nutzung des Begriffes im Deutschen problematisch finden, da er suggeriert, dass es “Rassen” gäbe, wir hier aber ausschließlich im Sinne seiner sozialen Konstruktion darauf verweisen.